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von Jérôme Koechlin

Head of Communications and Secretary of the Executive Committee at REYL & Cie

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Politische, wirtschaftliche, soziale und geschäftliche Veränderungen sowie Krisen konfrontieren jeden von uns mit ethischen Dilemmas. Sie veranlassen uns, gemeinsam über die Bedeutung der kollektiven Verantwortung sowie über die scheinbare Gegensätzlichkeit zwischen der perfekten Welt und der Wirklichkeit nachzudenken. Was ist ein gemeinsames Bestreben? Was ist eine gemeinsame Vision? Sollten wir angesichts des Wandels unsere Hilflosigkeit beklagen oder an unsere eigene Verantwortung appellieren?

Der grosse deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920) gibt eine aufschlussreiche Interpretation dieses Dilemmas und unterscheidet zwischen, wie er es nennt, der „Gesinnungsethik“ und der „Verantwortungsethik“.

Das daraus versprochene Ergebnis ist der Seelenfrieden. Dies ist eine tiefsitzende Überzeugung, und Abweichungen davon sind nicht zulässig

Die Verantwortungsethik beruht auf der Pflicht und den höheren Prinzipien, die man sich setzt. Darunter wird es als falsch angesehen, nicht die Wahrheit um der Wahrheit willen zu sagen, und es gilt als erstrebenswert, an den Werten und Normen festzuhalten, die uns wichtig sind. In diesem Zusammenhang ist, wenn ein höherer Wert hochgehalten wird, der alles andere ins Abseits drängt, ohne sich wirklich um die Konsequenzen zu kümmern, eine Form von Ideologie oder Idealismus involviert. Nicht die Effizient ist hier von Bedeutung, sondern ob das eigene Denken mit dem Handeln übereinstimmt. Das daraus versprochene Ergebnis ist der Seelenfrieden. Dies ist eine tiefsitzende Überzeugung, und Abweichungen davon sind nicht zulässig.

Im Gegenzug geht es bei der Verantwortungsethik um Rationalität und die Auseinandersetzung mit der Realität. Sie befasst sich mit den Mitteln und Wegen, die eine Person bereit ist zu gehen, um ein Ziel zu erreichen, und hebt dabei die Bedeutung des Pragmatismus hervor. Im Rahmen der Verantwortungsethik wird auch auf die Bedeutung hingewiesen, innovative und diplomatische Wege zur Lösung von Krisen zu finden, indem wir uns auf die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft konzentrieren und uns der Konsequenzen bewusst sind. Hier erfordert das Bestreben nach Effizienz Pragmatismus, Kompromissbereitschaft und die Fähigkeit, die Konsequenzen abzuschätzen und sein Handeln entsprechend anzupassen. Laut Weber ist die Verantwortungsethik die Ethik für Macher.

Aus soziologischer Sicht ist das gesamte menschliche Handeln nach diesen beiden Prinzipien aufgebaut. Das bedeutet nicht, „dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre“, sondern nur, dass die eine Position die andere überwiegt, wenn wir vor ethischen Entscheidungen stehen. Weber bezeichnet die Verantwortungsethik auch als „Erfolgsethik“ oder „Ethik der Anpassung an das Mögliche“. Er betont, dass man sich bei einem Konflikt zwischen den beiden Ethiken für die Verantwortungsethik entscheiden muss, um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, und dass man seine Überzeugungen durch dialektisches Denken an seine Verantwortung anpassen muss.

Zwei komplementäre Ethiken

In der besten aller möglichen Welten stehen die beiden Ethiken nicht in Widerspruch, sondern ergänzen sich: Als Nelson Mandela Präsident Südafrikas wurde, vereinte er gekonnt seine politischen Überzeugungen (Förderung der Menschenrechte, der universellen Demokratie, der „Regenbogennation“) mit seiner Verantwortung als Staatsmann (Integration der weissen Minderheit, wirtschaftlicher Pragmatismus, Versöhnungskommission, Wiedereingliederung des Landes in die Weltgemeinschaft). Weitere Beispiele sind die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich im Jahr 1981, wo moralische Überzeugung und politische Verantwortung zusammentrafen, sowie ethische Unternehmen, die an die Bedeutung von Impact-Investitionen glauben. Um es mit den Worten von Henri-Louis Bergson auszudrücken: „Man muss wie ein denkender Mensch handeln und wie ein handelnder Mensch denken.“

Das Dilemma zwischen diesen beiden Ethiken tritt meist in Spannungs-, Krisen- oder Umbruchsituationen auf, wenn Entscheidungen getroffen und Massnahmen ergriffen werden müssen. Wir sind uns bewusst, es ist leicht, Kritik zu üben, aber es ist schwierig, etwas aufzubauen.

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Über den Autor

Jérôme Koechlin ist Leiter der Kommunikationsabteilung und Sekretär des Exekutivausschusses von REYL & Cie. Er begann seine Karriere 1989 als Journalist und Kriegsberichterstatter, dann als Protokollchef des Staates Genf. Von 2003 bis 2018 bekleidete er verantwortungsvolle Positionen im Bankensektor, in der Kommunikation und im Management, bei Lombard Odier Darier Hentsch & Cie, UBP und Edmond de Rothschild. Er hat zahlreiche Initiativen in der strategischen, institutionellen, Medien- und Krisenkommunikation entwickelt und geleitet.

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