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Bessere Entscheidungen treffen mit der Psychologie des Investierens

Co-founder of Neuroprofiler
Tiphaine Saltini
Group 7 Artikel, 6 Min. Lesezeit

Das Ziel der Verhaltensökonomie ist es, den Einfluss psychologischer Faktoren wie Emotionen, Fehlwahrnehmungen und kognitiver Verzerrungen auf unsere finanziellen Entscheidungen abzubilden und zu quantifizieren. Ihre Erkenntnisse können dafür genutzt werden, bessere Entscheidungen beim Investieren zu treffen.

Der Gewinn-Verlust-Test

Stell dir vor, du hast die Wahl zwischen einem blauen und einem roten Knopf. Wenn du den blauen Knopf drückst, bekommst du garantiert CHF 50 auf dein Bankkonto gutgeschrieben. Du kannst das Geld in jedem Fall behalten, ohne Bedingungen. Wenn du jedoch den roten Knopf drückst, hast du eine 50-prozentige Chance, 100 CHF zu erhalten und eine 50-prozentige Chance, nichts zu bekommen. Wofür entscheidest du dich? Wenn du den blauen Knopf drückst, verpasst du die Chance, CHF 100 zu gewinnen. Drückst du den roten Knopf riskierst du, mit leeren Händen dazustehen. Studien haben gezeigt, dass die meisten Menschen den blauen Knopf wählen würden. Die absolute Sicherheit, CHF 50 zu gewinnen, gefällt ihnen besser als das Risiko, nichts zu gewinnen.

Eine kognitive Verzerrung ist ein Denkfehler, der dadurch entsteht, dass unser Gehirns Informationen vereinfachen will.

Drehen wir nun das Szenario um. Wenn du diesmal den blauen Knopf drückst, werden sofort CHF 50 von deinem Konto abgezogen. Wenn du aber den roten Knopf drückst, besteht eine 50-prozentige Chance, dass CHF 100 von deinem Konto abgezogen werden und eine 50-prozentige Chance, dass dein Konto unangetastet bleibt. Genau wie im vorherigen Fall bietet das Drücken des blauen Knopfes ein klares Ergebnis, während der rote Knopf genau das gleiche Risiko wie zuvor bietet – 50 Prozent. Anstatt jedoch CHF 100 zu verdienen, könntest du diesmal CHF 100 verlieren. Überraschenderweise entscheiden sich die meisten Leute in diesem Szenario dafür, den roten Knopf zu drücken, auch wenn sie dadurch ihre Verluste verdoppeln könnten. Warum ist es so, dass es die meisten Menschen vermeiden ein Risiko einzugehen, um CHF 50 zu gewinnen, aber das Risiko in Kauf nehmen, um CHF 50 nicht zu verlieren?

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Erkennen von Voreingenommenheit

Diese Abweichung vom analytischen Denken wird als kognitive Verzerrung bezeichnet. Eine kognitive Verzerrung ist ein Denkfehler, der durch den Versuch unseres Gehirns verursacht wird, Informationen zu vereinfachen. Unser Gehirn meint das natürlich gut und will uns helfen, schnellere Entscheidungen zu treffen, damit wir uns im täglichen Leben zurechtfinden, Muster schnell erkennen können. Daher neigt es aber dazu, bestimmte vorgefasste Meinungen zu entwickeln, die unser Gesamturteil beeinflussen. Laut Dr. Daniel Kahneman, einem der einflussreichsten Wissenschaftler der Verhaltensökonomie, hat unser Gehirn zwei Arbeitsweisen:

  • Das System 1, das schnell, unbewusst, mühelos und intuitiv funktioniert. Dieses System verlässt sich auf mentale Abkürzungen und ist anfällig für die meisten kognitiven Verzerrungen.
  • Das System 2 ist langsam, logisch, überlegt und abwägend. Dieses System wird verwendet, wenn wir in der Schule Matheaufgaben lösen oder einem Freund komplizierte Konzepte erklären.

Die Angst vor Verlusten, wie wir es in dem Beispiel mit den Knöpfen erlebt haben, (auch: Verlustaversion) ist eine solche kognitive Verzerrung. Sie entsteht, wenn das Gehirn System 1 verwendet und macht uns im Durchschnitt doppelt so empfindlich gegenüber Verlusten wie gegenüber Gewinnen. Wie in unserem obigen Beispiel gehen wir Risiken ein, um nicht zu verlieren, aber nicht, um mehr zu gewinnen. Wir nehmen auch Wahrscheinlichkeiten falsch wahr, oder die Chance, dass ein Ereignis eintritt. Im Durchschnitt werden große Wahrscheinlichkeiten, wie ein Autounfall, unterschätzt und kleine Wahrscheinlichkeiten, wie ein Gewinn im Casino, überschätzt.

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Eine Veränderung des Denkens

Die wichtigste Neuerung der Verhaltensökonomie besteht darin, diese kognitiven Verzerrungen in die klassischen Wirtschaftsmodelle einzubeziehen. Diese klassischen Modelle waren auf der Annahme aufgebaut, dass Individuen rational und egozentrisch sind. Die Einführung von Emotionen und kognitiven Verzerrungen in diese Entscheidungsmodelle war revolutionär. So entstand die Verhaltensökonomie, vor allem dank Dr. Daniel Kahneman und Dr. Amos Tversky, den ersten Psychologen, die mit einem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden. Sie entwickelten die sogenannte Prospect-Theorie, die vor allem darauf abzielte, den Begriff der Verlustaversion und der Wahrscheinlichkeitsverzerrung in die klassischen ökonomischen Modelle zu integrieren. Die Prospect-Theorie besagt, was im Beispiel mit den roten und blauen Knöpfen gezeigt wurde, nämlich, dass Menschen Gewinne und Verluste nicht gleich bewerten, weil wir nicht rein von Logik und Vernunft getrieben sind. Die Theorie wird allgemein als eine genauere Erklärung dafür angesehen, wie wir Entscheidungen in Bezug auf Gewinne und Verluste treffen.

Wie kann die Prospect-Theorie beim Investieren helfen?

All diese Konzepte sollen nicht theoretisch bleiben, sondern in der Finanzwelt angewendet werden. Finanzberater/innen müssen diese Konzepte in Anlagestrategien für Investor/innen einfließen lassen. Und ebenso wichtig ist es, dass Anleger/innen versuchen, ihre eigenen kognitiven Verzerrungen zu erkennen, um aufgeklärtere Entscheidungen zu treffen. Es wird spannend sein zu sehen, wie aufstrebende Finanzdienstleister die Erkenntnisse der Prospect-Theorie nutzen, um die wahren Risikopräferenzen von Anleger/innen zu erfassen und sie auf deren Basis besser zu beraten. Und, was noch wichtiger ist, um humanere Anlagedienstleistungen anzubieten.

Group 7 Artikel, 6 Min. Lesezeit
Über den Author
Tiphaine Saltini
Co-founder of Neuroprofiler

Nach ihrem Abschluss an der HEC und der ENS Ulm/Harvard arbeitete Tiphaine Saltini in der Privatbankbranche, während sie ihren Doktor in Behavioral Finance an der Sorbonne abschloss. Mit ihrer Leidenschaft für kognitive Wissenschaften gründete sie 2016 Neuroprofiler zusammen mit Julien Revelle, einem Experten für maschinelles Lernen und Quantitative Finance. Neuroprofiler ist ein verhaltensbasiertes Finanzspiel, das Anlagepräferenzen im Einklang mit den MiFIDII/LSFin-Vorschriften bewertet.